Zehn Geschichten über das Gehen

Wenn es beim Gehen nur darauf ankäme, von A nach B zu kommen, könnten wir auch einfach auf Fahrrad, E-Roller oder den ÖPNV zurückgreifen. Aber das Gehen ist mehr als nur schnöde Fortbewegung. Gehen ist eine ganzheitliche Art der Bewegung, die den Körper und den Geist gleichermaßen fordert – und es ist klimaneutral. Gründe genug, das Gehen einmal etwas näher zu betrachten.

1. Klimaneutral gehen

Spaziergänger im Herbst

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Breitere Gehwege, mehr Zebrastreifen, weniger Stolperfallen und Abgase sowie kürzere Wartezeiten für Fußgänger*innen an Ampeln: Das fordert das Umweltbundesamt, um noch mehr Menschen zum Gehen zu motivieren. Wenn man dem Vorschlag des Amtes folgt, sollen Städter*innen in Zukunft fast doppelt so viele Wege zu Fuß zurücklegen wie heute. Aktuell erledigen Menschen in der Stadt leider nur 27 Prozent ihrer Wege zu Fuß, was in etwa 1,1 Kilometern entspricht. Ende des 19. Jahrhunderts waren es noch 15 Kilometer.

Dabei bietet das Gehen so viele Vorteile. Auf Strecken von einigen Hundert Metern ist man zu Fuß von Tür zu Tür sowieso häufig am schnellsten unterwegs, reduziert Lärm und Luftschadstoffe und schützt damit die Umwelt. Mit mehr Bereitschaft zum Gehen könnte man also einen Beitrag leisten, um seinen Ausstoß von Treibhausgasen zu senken. Die Landeshauptstadt München hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2035 klimaneutral zu sein, das bedeutet 0,3 Tonnen CO2-Äquivalente pro Person und Jahr; aktueller Durchschnitt in München sind allerdings 5,9 Tonnen CO2-Äquivalente per annum.

Apropos zu Fuß von Tür zu Tür in der Nachbarschaft: Hier können Sie den Walkability-Index Ihres Münchner Stadtviertels einsehen.

2. Die Evolution des Gehens

Zur Entwicklung hin zum aufrechten Gang beim Menschen gibt es verschiedene Theorien. Warum unsere Vorfahren überhaupt von den Bäumen, in denen sie sich sicher und schnell fortbewegen konnten, auf den Boden gewechselt sind, war lange Zeit unklar. Forscher*innen vermuten heute allerdings, dass unsere Vorfahren vor etwa acht Millionen Jahren klimabedingt neue Nahrungsquellen erschließen mussten – und deswegen zum Gehen „angeregt“ wurden.

Dieser „kleine Schritt“ führte schlussendlich zur Eroberung des Planeten durch den Menschen und seine Vorfahren. Die ältesten bekannten Fußspuren sind belegt und dokumentieren, dass die Gattung Australopithecus schon vor 3,6 Millionen Jahren gut ans aufrechte Gehen angepasst war. Denn da verewigten sich drei dieser Hominiden im Ostafrikanischen Graben bei einem Spaziergang in feuchter Vulkanasche.

Fußspuren im Sand

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3. Gehen ist gesund

Spaziergänger im Wald

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Gehen hat ähnliche Effekte wie sportliche Aktivität, ist dabei aber nicht so anstrengend für den Körper und die Ausdauer. Fast jede*r kann es überall und kostenlos machen, und es tut gut, bis ins hohe Alter. Ganz schön praktisch, dieses Gehen.

Täglich 10.000 Schritte – das fordert die Smartwatch von einem. Das entspricht in etwa sieben Kilometern. Um das zu schaffen, muss man seinen Alltag schon gut danach planen. Aber es lohnt sich. Denn damit senkt man das Herzinfarktrisiko und reduziert Übergewicht. Da es auch das Gehirn fordert, wirkt Gehen dem Abbau kognitiver Leistung entgegen, fördert die Agilität des Gehirns und senkt sogar den Stresspegel. Um sich und seine Gehirnstruktur zu schützen, reichen laut Wissenschaftler*innen bereits acht Kilometer die Woche aus.

4. Spazieren gegen die Pandemie

Die Corona-Pandemie hat dem Spaziergang einen unverhofften Boom beschert. Eigentlich ein sehr positiver Effekt: Denn abgesehen von seinen klimafreundlichen Aspekten aktiviert das Gehen zudem das Gehirn, aber es beruhigt es gleichzeitig auch, weil ein Spaziergang im Park messbar den Pegel von Stresshormonen senkt. Lässt man dann noch sein Handy zu Hause, kann man wunderbar abschalten – und sich aufs Gehen konzentrieren.

Denn Gehen ist eine große Herausforderung für das Gehirn. Vieles fließt hier zusammen: Balance halten, Boden abscannen, Tritte gezielt setzen und dann noch die Umgebung im Blick behalten. Hochleistung vollbringt das Gehirn zum Beispiel bei einer Bergtour. Hier muss es noch Gefahrenpotentiale mit einrechnen. Hirnjogging im wahrsten Sinne des Wortes.

Freundinnen gehen mit Abstand und Masken spazieren

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5. Wie kann man Kinder zum Wandern und Spaziergehen motivieren?

Mädchen mit Fernglas

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Im Gleichschritt auf einem eintönigen Forstweg durch die Gegend marschieren? Das ist nicht nur für die Kleinsten öde. Kein Wunder, dass sie an jeder Biegung danach fragen, wie weit es noch ist. Interessanter wird es auf Wegen, auf denen es etwas zu entdecken gibt oder Kinder in Tuchfühlung mit der Natur gehen können – oder ganz verrückt: beim Barfuß gehen oder bei einer Schnitzeljagd. Mehr Spaß bringt es auch, wenn Freunde mit dabei sein dürfen und wenn die Kinder aktiv in die Routenplanung und Wegfindung (zum Beispiel mit dem Kompass) einbezogen werden. Bewährtes Lockmittel kann auch das Lieblingsessen bei der Einkehr zur Pause oder eine besondere Brotzeit im Rucksack sein.

Denn Gehen ist auch für Kinder wichtig. Bewegung an der frischen Luft tut gut und hält die Kleinen fit. Auch stimuliert das Spaziergehen in der Natur die kognitiven Fähigkeiten der Kinder, weil sie mit verschiedenen Wegbeschaffenheiten und Eindrücken konfrontiert werden. Und es bildet: Es gibt keinen besseren Weg, Kindern den Wert einer intakten Natur zu vermitteln, als mit ihnen zu Fuß die Umwelt zu erkunden.

6. Schnelles Gehen

Gehen ist Fortbewegung und Lustwandeln – dafür ist der menschliche Körper gemacht. Seine Mechanik und sein Stoffwechsel sind wie geschaffen dafür, immer weiterzugehen. Gehen könnte man praktisch beliebig lange. Und biomechanisch gesehen ist das Gehen extrem energiesparsam, weil der Bewegungsapparat aufeinander abgestimmt ist, wie ein Schweizer Uhrwerk.

Gehen ist sogar eine olympische Sportart. Wer einmal versucht hat, ganz schnell zu gehen, ohne dabei zu rennen, wird gemerkt haben, dass man dafür einen besonderen Hüftschwung braucht. Das liegt daran, dass man beim schnellen Gehen quasi nie den Kontakt zum Boden verliert und das vordere Bein gestreckt auf dem Boden aufsetzt. Die Olympioniken treten im Wettkampf dann auf Streckenlängen von 20 oder 50 Kilometern an. Dann gibt es unabhängig von Olympia noch den Megamarsch. Dabei geht man innerhalb von 24 Stunden satte 100 Kilometer, sofern man es schafft.

Geher beim Wettkampf

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7. Pilgernd Gehen

Wegweiser Pilgerpfad

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Wer pilgert, unternimmt eine Reise zu Fuß, die mehrere Tage bis zu mehreren Wochen dauern kann. Ursprünglich wollte man beim Pilgern Gott ein wenig näherkommen. Daher ist das Pilgern auch in vielen Religionen verbreitet: im Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus. Zwei der größten religiösen Feste sind die Wallfahrt Kumbh Mela in Indien und die Pilgerfahrt Haddsch nach Mekka.

Heute pilgern auch nichtreligiöse Menschen. Ihre Gründe: Sie wollen den Alltag vergessen oder eine Entscheidung für die Zukunft treffen; einige trauern auch um einen Menschen oder suchen einen Lebenssinn. Pilgern ist vor allem eine Reise zu sich selbst, in dem die Teilnehmer*innen in Kontakt mit Körper, Geist und Seele treten. Aber warum geht das so gut zu Fuß? Weil die Gedanken beim Gehen ganz frei fließen können, man verbindet sich mit seiner Umgebung, nimmt achtsam wahr und man trifft auf Gleichgesinnte.

8. Historisches Gehen

Gehen kann auch richtig bedeutungsschwanger sein. Denn es gibt einige Märsche, die die Welt verändert haben. Denken wir nur an den karthagischen Feldherrn Hannibal, dem es im zweiten Punischen Krieg 218 v. Chr. gelang, 37 Elefanten lebend über die Alpen nach Italien zu bringen. Damit wollte er einem römischen Angriff auf Spanien und Nordafrika zuvorzukommen. Eine logistische Meisterleistung!

Oder der Salzmarsch von Mahatma Gandhi, bei dem der indische Bürgerrechtler mit 78 seiner Anhänger 1930 über 385 Kilometer von seinem Wohnort Sabarmati-Aschram bei Ahmedabad nach Dandi am Arabischen Meer ging. Mit dieser Kampagne wollte er in seinem Kampf um Unabhängigkeit das Salzmonopol der Briten durchbrechen.

Gandy und seine Anhänger

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Bedeutend war auch der Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit, der 1963 von Martin Luther King initiiert wurde, der auf der Veranstaltung seine berühmte Rede „I have a dream“ hielt. An diesem Tag versammelten sich über 200.000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington D. C., um das Ende der Rassendiskriminierung in den USA zu fordern. Der Marsch gilt als einer der Höhepunkte der Bürgerrechtsbewegung in den USA.

9. Gehen als Wissenschaft

Älteres Paar Hand in Hand von hinten

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Es gibt nichts, was es nicht gibt: Wen es nach der Schule an die Uni zieht, kann in Deutschland aus mehr als 20.000 Studiengängen wählen. Darunter auch das Fach Promenadologie, die „Wissenschaft des Spazierengehens“. Sie erforscht, welchen Einfluss das Spazierengehen auf unsere Wahrnehmung der Umwelt hat und wie wir sie gestalten.

Entwickelt in den 1980er Jahren von Lucius Burckhardt entspringt die Wissenschaft aus Teilen der Soziologie, des Urbanismus, der Umweltplanung, der Architektur und der Kunst. Nach Burckhardts Auffassung kann Spazierengehen Schönheit erschaffen und die Stadtplanung beeinflussen. Seine Vision war es, dass die Städte den Menschen dienen sollen und nicht umgekehrt. Dafür hat er die Methode der sogenannten reflexiven Spaziergänge entwickelt, bei denen typische und alltägliche Situationen mit planerischen Fragestellungen in Zusammenhang gebracht werden. Diese Bewusstwerdung sollte den Planern dazu dienen, Bekanntes zu hinterfragen und Neues zu entwickeln. Die Wissenschaft wird heute unter anderen von Martin Schmitz, einem von Burckhardts Schülern, an der Uni Kassel fortgeführt.

10. Kurioses zum Gehen

Der menschliche Körper braucht für einen Schritt etwa 200 Muskeln (insgesamt gibt es ca. 650 Muskeln im Körper). Darunter sind die acht großen Muskeln am Bein vom Po bis zur Achillessehne und 18 Fußmuskeln. Hinzu kommen die Rückenmuskulatur, Arme und das Nackenband. Wenn man dann noch lächelt, ist man nahezu ganzheitlich gefordert. Übrigens hat auch Rückwärtsgehen einen positiven Effekt auf Körper und Geist, weil das vor allem die rechte Gehirnhälfte fordert.

Die teuersten Beine im Fußball gehören übrigens Christiano Ronaldo. Bei Real Madrid hatte er eine Versicherungssumme von 212 Millionen Euro je Bein (!) festschreiben lassen.

Man kann auch die Erde zu Fuß umrunden. Das gelang erstmals Friedrich Gustav Kögel und Fred Thörner, als sie die Wette einer Zeitung in San Francisco annahmen. Von 1894 bis 1896 wanderten die beiden auf einer vorgeschriebenen Route um die Erde.

Fußballer

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