Interview mit der MVG-Nachhaltigkeitsbauftragten Juliane Bartelt

Juliane Bartelt ist die Nachhaltigkeitsbeauftrage der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). Sie kennt die Herausforderungen, Erfolge und komplexen Prozesse des ÖPNV in einer Großstadt. Wie München noch attraktiver werden kann und welche Maßnahmen aktuell geplant sind – darüber spricht die Nachhaltigkeitsexpertin mit München Cool City.

Juliane Bartelt MVG-Nachhaltigkeitsexpertin

© SWM, Marcus Schlaf

1. Frau Bartelt, sprechen wir über die Zukunft des ÖPNV: Bis zum Jahr 2040 rechnet München mit etwa 1,85 Millionen Einwohner*innen, fast 19 Prozent mehr als 2017. Wie kann die Landeshauptstadt für so viele Menschen klimafreundliche Mobilität im öffentlichen Raum gewährleisten?

Die MVG ist als Mobilitätsdienstleister für München ein wichtiger Eckpfeiler der Nachhaltigkeitsstrategie der Landeshauptstadt München. Ein attraktives Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs trägt zur Verminderung des motorisierten Individualverkehrs bei und leistet durch die Verringerung des innerstädtischen Verkehrs einen wichtigen Beitrag zu Luftreinhaltung und Klimaschutz. Für dieses Ziel wird das Leistungsangebot schrittweise weiter ausgebaut: Neue Linien entstehen und Takte werden verdichtet. Zudem sind neue Tram-Tangenten geplant sowie die U-Bahn-Neubaustrecke U9 zwischen Sendling und Schwabing via Hauptbahnhof, die neue Kapazität schafft und das bestehende Netz spürbar entlastet.

2. Welches individuelles Angebot bietet die MVG?

Das Leistungsspektrum der MVG umfasst neben U-Bahn, Tram und Bus auch Fahrräder und die Möglichkeit, verschiedene Verkehrsmittel miteinander zu kombinieren. Mit mehr als 4.000 Leihrädern in ganz München und im Landkreis ist emissionsfreie und gleichzeitig individuelle Mobilität für flexible Fahrten – von der Haustüre bis zur U-Bahnstation – möglich. Die Räder und die MVG-Radstationen sowie (E)CarSharing-Fahrzeuge, E-Roller und E-Ladesäulen finden Münchner*innen und Besucher*innen in der App MVG more sowie in der App MVGO. Dort werden die Angebote der MVG und weitere Leistungen unserer Mobilitätspartner gebündelt, so dass alle Fahrten mit U-Bahn, Bus, Tram und S-Bahn sowie dem MVG Rad, E-Scooter und E-Moped bequem geplant werden können.

Paar mit Leihrädern unterwegs

© MVG, Kerstin Groh

3. Was tut die MVG konkret, um die eigene Fahrzeugflotte klimafreundlicher zu machen?

Unsere U-Bahnen und Trambahnen fahren schon jetzt zu 100 Prozent mit Ökostrom und unsere Busflotte soll bis 2035 vollständig auf batterieelektrische Antriebe umgestellt werden. Auch die interne Fahrzeugflotte – wie PKWs – soll bis 2030 zu 75 Prozent auf alternative Antriebe umgestellt werden.

4. Was wurde bisher erreicht? Welche Ziele konnten bereits umgesetzt werden?

Mehr als 600 Millionen Fahrgäste haben 2019 den ÖPNV genutzt. Das sind an einem Werktag ungefähr zwei Millionen Menschen, die mit der MVG unterwegs waren. Corona sorgt hier leider für einen drastischen Rückgang, doch wir sind zuversichtlich, dass der „Run“ auf öffentliche Verkehrsmittel nach Überwindung der Pandemie wieder einsetzt. Seit Oktober setzen wir bereits aufgrund der wieder gestiegenen Fahrgastnachfrage mehr Fahrten zur Hauptverkehrszeit und in den Wochenend-Nächten ein.

Wer sich für ein bisschen Geschichte interessiert, dem empfehle ich aktuell, in unsere Sendung „50 Jahre U-Bahn München“ reinzuschauen. Das Video bietet eine spannende Zeitreise durch Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Münchner U-Bahn und ist unter anderem auf dem YouTube-Kanal „Die Mobilitätsmacher*innen“ zu sehen. Unsere E-Busflotte wächst kontinuierlich weiter: Der Stadtbus 144 wird seit Oktober 2020 komplett elektrisch betrieben, ebenso unsere Museenlinie 100. Das Busangebot wird auch laufend erweitert. Die Tramflotte wächst ebenfalls – und wird erneuert. Gleiches gilt für die U-Bahn, auf der U1 sind erstmals unsere neuen C2-Züge im Einsatz, nachdem sie schon seit einiger Zeit auf den Linien U2, U3 und U6 fahren. Aber nicht nur in Bezug auf die Umstellung der Fahrzeugflotte hat sich viel getan.

Auch die Infrastruktur entwickelt sich weiter. Seit März 2017 wir der U-Bahn-Station Sendlinger Tor unter laufendem Betrieb umgebaut. Alle drei Ebenen werden komplett saniert, modernisiert, umgestaltet und barrierefrei ausgebaut. Der erste erneuerte Zugang wurde Anfang November 2020 freigegeben. Weitere Großprojekte für einen zukunftssicheren ÖPNV sind unsere neuen Betriebshöfe. Unser neuer Busbetriebshof mit Fokus auf E-Bussen in Moosach steht kurz vor der Fertigstellung. Außerdem nahm in diesem Jahr unser neues MVG Betriebszentrum den Betrieb auf. Es bündelt die wichtigsten betrieblichen Funktionen für unseren Fahrbetrieb und die Fahrgastinformation.

Leider gibt es ein „aber“: Die massiven Einnahmen-Verluste in Folge der Pandemie können nur zu einem Teil durch den ÖPNV-Rettungsschirm ausgeglichen werden. Damit wir die Stärkung des Münchner ÖPNV nicht gefährden oder um lange Zeit aufschieben müssen, sind wir auch auf die Unterstützung der Politik und Verwaltung in Bund, Land und auf kommunaler Ebene angewiesen. Das fordern wir natürlich auch von der neuen Bundesregierung.

5. Ab wann dürfen MVG-Nutzer*innen die U-Bahn-Linie 9 erwarten? Und bleibt der barrierefreie Zukunftsbahnhof Sendlinger Tor bis 2023 im Zeitplan?

Die U9 ist ein planerisch und baulich sehr komplexes Großprojekt. Die Bauarbeiten werden etwa zehn Jahre dauern, die ersten Züge könnten Ende der 30er-Jahre auf der neuen Strecke fahren. Und ja, bis 2023 wird der U-Bahnhof Sendlinger Tor komplett modernisiert sein.